Mentales Modell einer ehrenamtlichen Einsatzkraft

Einordnung

Dieser Artikel beschreibt das mentale Modell einer typischen ehrenamtlichen Einsatzkraft, die im Einsatzraum mit einem Smartphone Daten erfasst.

Die Beschreibung dient als Grundlage für das Design von Einsatzsoftware. Ziel ist es, Software so zu gestalten, dass sie den Denk- und Handlungsweisen von Einsatzkräften möglichst gut entspricht.

Die betrachteten Einsatzkräfte verfügen mindestens über eine abgeschlossene Grundausbildung. Diese Ausbildung vermittelt grundlegende Kenntnisse in folgenden Bereichen:

  • Gefahrenbewusstsein und Eigenschutz
  • Zusammenarbeit im Trupp
  • Grundsätze der Führung im Einsatz
  • technische Hilfeleistung
  • Kommunikation im Einsatz
  • Arbeiten unter Zeitdruck und Unsicherheit

Diese Grundlagen sind Teil des mentalen Modells jeder Einsatzkraft und prägen das Verhalten im Einsatzraum.

Grundstruktur des mentalen Modells

Das mentale Modell einer Einsatzkraft ist stark handlungsorientiert.

Informationen werden nicht primär als abstrakte Daten wahrgenommen, sondern als Bestandteile einer Lage.

Typische Elemente dieser Lage sind:

  • Ort eines Ereignisses
  • beteiligte Personen
  • Gefahren
  • Schäden
  • verfügbare Kräfte und Mittel
  • aktuelle Maßnahmen

Die Einsatzkraft denkt daher häufig in Kategorien wie:

  • Was ist passiert?
  • Wo ist es passiert?
  • Wer ist betroffen?
  • Welche Gefahr besteht?
  • Was muss jetzt getan werden?

Digitale Werkzeuge müssen diese Struktur unterstützen und dürfen sie nicht durch unnötige Komplexität überlagern.

Wahrnehmung im Einsatzraum

Die primäre Informationsquelle einer Einsatzkraft ist die eigene Wahrnehmung.

Typische Wahrnehmungsquellen sind:

  • visuelle Eindrücke
  • Geräusche
  • Gerüche
  • Aussagen von Betroffenen
  • Beobachtungen anderer Einsatzkräfte

Technische Geräte ergänzen diese Wahrnehmung, ersetzen sie aber nicht vollständig.

Digitale Systeme müssen daher akzeptieren, dass viele Informationen zunächst unvollständig oder unsicher sind.

Arbeitsweise im Einsatz

Einsatzkräfte arbeiten häufig unter Bedingungen wie:

  • Zeitdruck
  • körperlicher Belastung
  • Lärm
  • schlechter Sicht
  • Witterungseinflüssen

Unter solchen Bedingungen verändert sich das Verhalten gegenüber normalen Bürosituationen deutlich.

Typische Konsequenzen sind:

  • reduzierte Aufmerksamkeit für Details
  • geringere Geduld für komplexe Bedienung
  • Fokus auf unmittelbare Handlungen
  • starke Orientierung an klaren Strukturen

Software muss daher möglichst einfach und robust bedienbar sein.

Typische Erfahrungsunterschiede

Einsatzkräfte unterscheiden sich erheblich in ihrer Erfahrung.

In einer Einsatzgruppe können gleichzeitig auftreten:

  • sehr erfahrene Einsatzkräfte
  • Einsatzkräfte mit mittlerer Erfahrung
  • relativ neue Einsatzkräfte

Digitale Werkzeuge müssen daher sowohl für erfahrene als auch für weniger erfahrene Nutzer verständlich sein.

Komplexe Fachterminologie oder verschachtelte Bedienlogik sollten vermieden werden.

Mentale Zustände im Einsatz

Das Verhalten einer Einsatzkraft hängt stark vom aktuellen mentalen Zustand ab.

Typische Zustände sind unter anderem:

Routine

Bei Routineeinsätzen arbeitet die Einsatzkraft ruhig und strukturiert. Entscheidungen werden bewusst getroffen und Informationen sorgfältig aufgenommen.

Fokussierung

Bei komplexen oder gefährlichen Situationen tritt häufig ein starker Fokus auf einzelne Aufgaben auf.

Die Aufmerksamkeit richtet sich dann primär auf:

  • unmittelbare Gefahren
  • konkrete Arbeitsaufträge
  • direkte Kommunikation im Team

Nebeninformationen können in dieser Situation leicht übersehen werden.

Stress

Stress entsteht beispielsweise durch:

  • Zeitdruck
  • unklare Lage
  • Gefahren für Menschen
  • starke Geräuschkulisse

Unter Stress sinkt die Fähigkeit, komplexe Informationen zu verarbeiten.

Software muss daher auch unter Stress leicht bedienbar sein.

Warten

Ein großer Teil vieler Einsätze besteht aus Phasen des Wartens.

In diesen Phasen beobachten Einsatzkräfte die Lage, kommunizieren mit anderen und bereiten sich auf mögliche Aufgaben vor.

Digitale Systeme sollten diese Phasen nutzen können, um zusammen mit dem Benutzer bereits erfasste Informationen zu sortieren und zu ergänzen.

Psychische Belastung

Einige Einsätze können psychisch belastend sein, beispielsweise bei schweren Verletzungen oder Todesfällen.

In solchen Situationen kann die Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt sein.

Software darf in solchen Situationen keine zusätzlichen kognitiven Belastungen erzeugen.

Zusammenarbeit im Team

Einsatzkräfte arbeiten grundsätzlich im Team.

Informationen werden daher häufig nicht isoliert erfasst, sondern gemeinsam bewertet.

Typische Informationsflüsse sind:

  • Beobachtung durch eine Einsatzkraft
  • mündliche Weitergabe im Team
  • Meldung an eine Führungsstelle
  • Dokumentation der Information

Digitale Systeme sollten diese Kommunikationswege unterstützen.

Umgang mit Technik

Die meisten Einsatzkräfte nutzen im Alltag regelmäßig Smartphones.

Daraus ergeben sich bestimmte Erwartungen an digitale Systeme, beispielsweise:

  • einfache Bedienung
  • klare Rückmeldungen
  • schnelle Reaktionszeiten

Gleichzeitig darf nicht vorausgesetzt werden, dass alle Nutzer technisch besonders versiert sind.

Software muss daher ohne besondere technische Kenntnisse bedienbar sein.

Bedeutung für die Softwaregestaltung

Aus dem beschriebenen mentalen Modell ergeben sich mehrere wichtige Anforderungen an Einsatzsoftware.

Digitale Systeme sollten insbesondere:

  • Informationen lageorientiert darstellen
  • möglichst wenige Eingaben erfordern
  • auch unter Stress bedienbar sein
  • klare Rückmeldungen geben
  • einfache Bedienstrukturen besitzen

Das Ziel ist eine Software, die sich an den Denk- und Arbeitsweisen von Einsatzkräften orientiert.

Quellen

  • Reason, J.: Human Error. Cambridge University Press.
  • Endsley, M.: Situation Awareness in Dynamic Systems. Human Factors Journal.
  • Klein, G.: Sources of Power – How People Make Decisions.